orchesterkonzert

Solistinnen: Annelie Gahl, Biliana Tzinlikova                            Leitung: Wolfgang Danzmayr und Alexandra Helldorff

Frauenstimmen 2019, 7. Konzert

Samstag, 16. November 2019

18:00 Uhr !

Solitär der Musikuniversität Mozarteum



Orchesterwerke von Komponistinnen sind rar, und es ist nicht immer leicht, eines zu hören. Beides hat denselben Grund: Selten findet sich ein Orchester, das bereit ist, das Werk einer Frau einzustudieren, geschweige denn einzuspielen. Für die FRAUENSTIMMEN haben wir auch heuer wieder ein Orchester gefunden: Die MusikerInnen des Orchesterprojekts19 unter Wolfgang Danzmayr und Alexandra Helldorff werden, gemeinsam mit den Solistinnen Annelie Gahl (Violine) und Biliana Tzinlikova (Klavier) gleich drei Orchesterwerke von Komponistinnnen aufführen. Als eine Art Bezugspunkt zwischen diesen Werken könnte man die Stadt Leipzig sehen, wo sowohl das Violinkonzert von Amanda Maier-Röntgen wie auch das Klavierkonzert von Clara Schumann im Gewandhaus aufgeführt wurden, letzteres sogar als Uraufführung unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Orchesterwerke seiner Schwester Fanny Hensel standen bedauerlicherweise in Leipzig nie am Programm.

 

Die Komponistinnen:

 Fanny Hensel (geb. Mendelssohn-Bartholdy, 1805–1847) schrieb ihre Orchesterouvertüre in C-Dur 1832, drei Jahre nach ihrer Heirat mit dem Maler Wilhelm Hensel, der die Kompositionstätigkeit seiner Frau sehr unterstützte und schätzte. Leider schrieb sie wenige Orchesterwerke, neben der Ouverture lediglich eine Konzertarie „Io d’amor, oh Dio“ und die dramatische Szene Hero und Leander, weil, wie sie fand, wenn ein von ihr für Orchester gesetztes Stück „auch ein Meisterstück wäre, würde ich es doch ewig als mein eigener Clavierauszug vortragen müssen“. Das umschreibt treffend, welche Schwierigkeiten Frauen hatten, die für Orchester schrieben. Obwohl Fanny Hensel die gleiche Begabung und die gleichen Lehrer wie ihr Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy gehabt hatte und als Bankierstochter auch relativ große Möglichkeiten hatte, einen musikalischen Salon zu führen und MusikerInnen zu engagieren, ist doch in ihren späteren Jahren eine gewisse Resignation zu spüren, weil ihr die Erfahrungen eines professionellen Musikerlebens, wie sie ihr Bruder mit dem Dirigieren von Orchestern, dem Aufführen eigener Werke etc. machen konnte, fehlten. Dennoch war sie im Rahmen ihres Salons eine der frühen Dirigentinnen und  diejenige, die in Berlin als erste einen Plan für ein Berliner Orchester verfasste und gehört so zu einer der Gründerinnen der Berliner Philharmoniker.

 

Amanda Maier-Röntgen (geb. 1853, Landskrona–1894, Amsterdam), deren Todestag sich heuer zum 125. Mal jährt, wurde in Schweden als Tochter aus Deutschland eingewanderten Musikers und Konditormeisters Carl Edvard Maier und seiner Frau Elisabeth Sjøbeck geboren. Nach erstem Unterricht bei ihrem Vater studierte sie bereits mit 14 am Konservatorium in Stockholm, dessen erste weibliche Absolventin sie 1872 war. Danach setzte sie ihre Studien in Leipzig u.a. bei Engelbert Röntgen, dem Konzertmeister des Gewandhausorchesters fort, dessen Sohn Julius sie 1880 heiraten sollte. Zu ihren Bekannten und Freunden zählten Edvard Grieg, Johannes Brahms, Ethel Smyth, Elisabeth und Heinrich von Herzogenburg und Clara Schumann.

 

Ihr Violinkonzert in d-Moll spielte sie zunächst 1875 in Halle, 1876 folgte die Aufführung mit ihr als Solistin und dem Gewandhausorchester unter Carl Reinecke in Leipzig. 1878 und 1879 machte sie als Geigerin Konzertreisen durch Norwegen, Schweden und Russland. (Im Konzert folgt die österreichische Erstaufführung.) Nach ihrer Hochzeit mit Julius Röntgen folgte sie diesem nach Amsterdam und trat nur noch in privatem Kreise auf, in ihrem Haus musizierten allerdings Anton Rubinstein, Edvard Grieg, Johannes Brahms und Joseph Joachim, und als Clara Schumann in Amsterdam gastierte, führten Amanda Maier-Röntgen und Julius Röntgen Johannes Brahms‘ Violinsonate in fis-Moll op. 20 auf einer ihr zu Ehren veranstalteten Gesellschaft auf. Nach der Geburt von Amanda Maier-Röntgens zweitem Sohn 1886 zeigte sich, dass sie an Tuberkulose erkrankt war, was Kuraufenthalte in Davos und Nizza nötig machte. Dennoch starb sie, nur 41-jährig, bereits 1894 an der Krankheit.

 

Clara Wieck-Schumann (1819–1896), der das Orchesterkonzert gewidmet ist, weil sich heuer ihr Geburtstag zum 200. Mal jährt, war zunächst „Wunderkind“ am Klavier und entwickelte sich unter der Obhut ihres Vaters Friedrich Wieck zur jungen Virtuosin, die – damals selbstverständlich – auch komponieren musste. Zu dieser Zeit waren das Kompositionen, die vor allem ihre Virtuosität ins rechte Licht rücken, ihr Klavierkonzert op. 7 etwa, das sie als 14-jährige skizzierte, als 16-jährige fertigstellte und im gleichen Jahr mit Felix Mendelssohn-Bartholdy am Pult des Leipziger Gewandhausorchesters aufführte. Bei diesem frühen Werk hatte bereits Robert Schumann bei der Orchestrierung mitgearbeitet, später, in ihrer Ehe, arbeiteten die beiden sehr eng zusammen. Schumann war als Musikschriftsteller ja einer der Kämpfer gegen das reine Virtuosentum, und strebte als Komponist nach der wahren, romantischen, absoluten Musik. Über Clara als Komponistin sagte er „Du vervollständigst mich als Componisten, wie ich Dich. Jeder Deiner Gedanken kommt aus meiner Seele, wie ich ja meine ganze Musik Dir zu verdanken habe.

 

Die Solistinnen:

Annelie Gahl studierte bei Paul Roczek (Mozarteum), Ernst Kovacic (Musikuniversität Wien) und Shmuel Ashkenasi (Northern Illinois University). Prägende Einflüsse erhielt sie durch ihre langjährige Mitwirkung in der Camerata Salzburg unter Sándor Végh und im Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt. Von 2000 bis 2003 wirkte sie als Stimmführerin und Konzertmeisterin in der Wiener Akademie; im Klangforum Wien ist sie immer wieder zu Gast. Solistische Auftritte hatte sie neben anderen mit der Salzburger Kammerphilharmonie und der Camerata Salzburg im Linzer Brucknerhaus und im Wiener Musikverein, außerdem bei Festivals wie Wien Modern, Osterfestival Hall, Festwochen Gmunden, styriarte, Klangspuren Schwaz und in der Philharmonie Luxembourgh. Im Sommer 2009 leitete sie im Auftrag der Salzburger Festspiele das Barockorchester „Capella Triumphans“.

 

Die Pianistin Biliana Tzinlikova, 1974 in Sofia, Bulgarien geboren, hat sich in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf als Konzertpianistin, Kammermusikerin und Pädagogin erarbeitet. Neben ihrer Tätigkeit an der Musikuniversität Mozarteum Salzburg, wo sie seit 2001 unterrichtet, trug vor allem die Einspielung von bisher insgesamt fünf CDs, allesamt Weltersteinspielungen, dazu bei, dass Biliana Tzinlikova als wache und neugierige Zeitgenossin wahrgenommen wird, die sich auch außerhalb des pianistischen Kernrepertoires bewegt. Sie absolvierte ihre Studien an der staatlichen Musikakademie in Sofia bei Prof. Marina Kapazinskaja und an der Univ. Mozarteum in Salzburg bei den Professoren Andor Losonczy und Christoph Lieske. Ferner besuchte sie Meisterkurse für Klavier bei Elisso Virsaladse, Arndzej Jaszinsky, Pavel Gililov, Menahem Pressler, Paul Badura-Skoda, Alexander Lonquich, Ferenc Rados, Klaus-Christian Schuster und Claude Frank.

Als Solistin trat sie u.a. bei der Salzburger Mozartwoche und unter Stefan Sanderling mit dem RSO Wien auf. Sie konzertierte in fast allen Ländern Europas und in den USA. 2004 gab sie ihr Debut im Wiener Konzerthaus.

 

Das Orchester und die DirigentInnen:

Orchesterprojekt 19

Der Bedarf an gemeinsamem, generationenübergreifendem Musizieren qualifizierter Amateure mit daran interessierten und engagierten professionellen Musikern ist groß, weswegen es die 'Orchesterprojekte' seit 2003 mit bisher über 40 Aufführungen gibt. Schon ab der ersten Tuttiprobe erschließt das Miteinander-Erarbeiten von Werken der Weltliteratur sowohl den Amateuren als auch den voll ausgebildeten und als solche auch tätigen Orchestermusikerinnen und -musikern die Musik in allen ihren Facetten.

 

Wolfgang Danzmayr (Dirigent und Komponist) ist 1947 in Wien geboren. Er absolvierte ein Dirigierstudium bei Hans Swarowsky an der Wiener Akademie für Musik und Darstellende Kunst (Diplom 1970 mit R. Strauss' Duett-Concertino). Sommer- und Meisterkurse bei Bruno Maderna (1967, 1968, 1969), Franco Ferrara (1970/71) und Carl Melles (1973). Im Jahre 1973 erhielt Danzmayr den Hans Haring–Dirigentenförde-rungspreis des ORF Salzburg. Dirigate mit diversen Orchestern und Ensembles, darunter Mozarteum Orchester Salzburg, Kärntner Symphonieorchester, NÖ Tonkünstler, Collegium Musicum Carinthia, Beethoven Philharmonie und Kur-pfälzisches Kammerorchester Mannheim. Von 1997 bis 2002 wirkte er als künstlerischer Leiter des Symphonieorchesters der Salzburger Kulturvereinigung; seit 2003 künstlerischer Leiter der Orchesterprojekte, 2010 Juror beim Pedrotti-Dirigenten-Wettbewerb in Trient/Trento.

 

Alexandra Helldorff, Dirigentin, Pianistin, Chor- und Ensembleleiterin: Dies sind die vielseitigen Musiksparten der russisch-österreichischen Künstlerin, die 1986 in Jaroslawl geboren wurde. Mit fünf Jahren erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht an der Musikschule ihrer Heimatstadt, sodass sie bereits im Alter von neun Jahren das 1. Klavierkonzert von Beethoven mit dem Orchester ihrer Heimatstadt aufführte, gefolgt von Griegs Klavierkonzert mit elf Jahren. Danach zog sie mit ihrer Familie nach Österreich. Am Tiroler Landeskonservatorium in Innsbruck fing sie ihr Dirigierstudium bei Tito Ceccherini an, während sie ihre Klavierausbildung bei Bozidar Noev fortsetzte. Parallel dazu begann sie ihr umfangreiches Musikstudium an der Universität Mozarteum in Salzburg, wo sie Klavier bei Karl-Heinz Kämmerling und Alexei Lubimov studierte, Chordirigieren bei Karl Kamper und Orchesterdirigieren bei Dennis Russell Davies. Nachdem sie ihre Studien mit Auszeichnung absolvierte, konnte sie daran ein Doktoratstudium in Musikwissenschaft bei Peter Maria Krakauer anknüpfen. Es folgten weitere postgraduale Studien bei Reinhard Goebel im Bereich der Historischen Aufführungspraxis und bei Hans Graf im Dirigieren. Für ihre ausgezeichneten Erfolge im Studium wurde ihr die Bernhard-Paumgartner-Medaille von der Stiftung Mozarteum verliehen. Neben zahlreichen Auftritten als Pianistin im solistischen wie kammermusikalischen Bereich dirigierte sie u.a. das Ensemble der Universität Mozarteum, die Bad Reichenhaller Philharmonie und ihr eigen gegründetes Ensemble SÆSCH. Weitere Konzerte und Radiomitschnitte spielte sie u.a. mit den Wiener Philharmonikern, dem Orchester und Chor des WDR, dem hr-Sinfonieorchester, dem Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele sowie der Bayerischen Kammerphilharmonie.

Die Moderation:

Iris Mangeng studierte Musikerziehung und Instrumentalmusikerziehung an der Universität Mozarteum Salzburg sowie Gesang an der Universität für Musik und darstellende Graz. Dort war sie auch als Lektorin und Universitätsassistentin am Institut für Musikästhetik beschäftigt und wird im Frühjahr 2020 mit einer Dissertation über das Frauenbild in den Opern Alexander Zemlinskys promovieren. Seit September 2019 ist sie Senior Scientist am Institut für Gleichstellung und Gender Studies der der Universität Mozarteum Salzburg. Als freiberufliche Sängerin ist sie vielseitig in den Bereichen Oper, Lied und Oratorium tätig und tritt auch als Kammermusikerin auf (u.a. mit dem stella artis ensemble). Solistische Konzerttätigkeit und Lecture-Recitals sowie Vorträge und Konzertmoderationen führen sie zu Musikfestivals und wissenschaftlichen Tagungen im In- und Ausland. Aktuelle Forschungsschwerpunkte umfassen Opern- und Instrumentalmusikraritäten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Genderrepräsentation in der Oper, Komponistinnenforschung und Kulturgeschichte des Fin de siècle.


programm

Fanny Hensel: Ouverture in C

Amanda Maier-Röntgen: Violinkonzert (Annelie Gahl)

Clara Schumann: Klavierkonzert op. 7 (Biliana Tzinlikova)

über die ausführenden